INTERVIEW Mutmacher Alexander Huber
„Hilfe zu holen, ist kein Zeichen von Schwäche“
Ein Bergsteiger spricht offen über seine Angststörung, den Moment, in dem selbst die Berge keine Zuflucht mehr waren – und warum professionelle Unterstützung sein Leben verändert hat. Heute setzt sich Alexander (56) dafür ein, dass niemand mit einer Krise allein bleiben muss.
Jahrelang galten die Berge für Alexander aus dem Landkreis Traunstein als Ort der Freiheit, der Klarheit – und als Rückzugsraum, wenn das Leben zu viel wurde. Doch als diese Flucht nicht mehr funktionierte, riss es dem 56-Jährigen den Boden unter den Füßen weg: Eine schwere Angststörung stellte sein Leben auf den Kopf. Im Interview erzählt er von sozialer Isolation, dem Mut, professionelle Hilfe anzunehmen und seiner Überzeugung, dass psychische Krisen jeden treffen können. Und erklärt, warum er heute die Krisendienste Bayern unterstützt.

Sie hatten vor einigen Jahren eine Krise. Möchten Sie uns in diese Zeit mitnehmen?
Als Bergsteiger sucht man bewusst Herausforderungen, man lebt intensiv – aber eben nur in diesem Bereich. Im Alltag war ich dagegen irgendwann nicht mehr fähig, mich meinen Ängsten zu stellen. Ich bin vor Problemen davongelaufen, bis ich völlig aus dem Gleichgewicht war.
Der Wendepunkt kam am Berg: Ich konnte mein Ziel nicht erreichen, bin ins Tal geflüchtet, wollte sofort wieder rauf – ich habe mich nirgends mehr wohlgefühlt. Dann kam der Moment, in dem ich dachte, die Freude am Bergsteigen verloren zu haben. Das hat mir den Boden weggezogen.
Mit den anderen Problemen im Leben bin ich zurechtgekommen, weil ich die Flucht in die Berge gewählt habe. Und mit einem Mal hat selbst diese Flucht nicht mehr funktioniert. Dieser Moment war für mich so fulminant, dass ich daraus eine schwere Angststörung entwickelt habe. Ich habe mich zurückgezogen.
Wie hat sich die Angststörung im Alltag geäußert? Was waren Ihre Gedanken und Gefühle?
Es kamen immer mehr Ängste – die offensichtlichen, dass ich meine Leidenschaft verloren haben könnte, aber auch völlig alltägliche. Ich hatte Angst, auf die Straße zu gehen, jemanden zu treffen, der mich nach meinem Zustand fragt. Irgendwann bin ich gar nicht mehr aufgestanden, bin nicht einmal mehr in die Bäckerei gegangen, habe Freunde gemieden und das Training abgesagt. Diese soziale Isolation war für mich ein klares Zeichen, dass irgendetwas fundamental nicht in Ordnung ist.
Haben Sie sich nach dieser Erkenntnis professionelle Hilfe geholt?
Ja, das war eine meiner besten Entscheidungen. Durch einen Bekannten bekam ich Kontakt zu einem Therapeuten. Damals gab es noch keine Krisendienste oder Notfallnummern. Es hat mir unglaublich geholfen, jemanden zu haben, der erklärt, warum die Psyche so reagiert – und dass das völlig normal ist, wenn zu viel gleichzeitig zusammenkommt.
Was hat Sie an der professionellen Hilfe überrascht?
Vor allem, wie entlastend es ist, zu hören, dass meine Reaktionen normal sind. Wenn die Psyche erkrankt, braucht man Unterstützung – genauso selbstverständlich wie bei einer körperlichen Erkrankung. Profis sehen, was einen aus der Spur gebracht hat, und wissen, wie man zurückfindet.
Was würden Sie jemandem sagen, der in einer Krise steckt und zögert, sich Hilfe zu holen?
Reflektiere dich ehrlich: Geht es mir gut? Wenn nicht, warte nicht, bis es brennt. Je tiefer man hineingerät, desto länger dauert der Weg zurück. Hilfe zu holen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Verantwortung für sich selbst.
Und jemandem, der Angst hat, „anderen den Platz wegzunehmen“?
Diese Sorge ist unbegründet. Auch ich dachte, ich wäre psychisch stabil – und trotzdem konnte mich das Leben aus dem Gleichgewicht bringen. Unsere Psyche ist unser größtes Gut. Man sollte frühzeitig handeln.
Was sollte sich im Umgang mit psychischen Erkrankungen ändern?
Angst gehört zum Leben. Sie ist sogar unsere wichtigste Überlebensversicherung. Und nichts, wofür man sich schämen muss. Wir sollten aufhören, sie zu stigmatisieren.
Was bedeutet es Ihnen, heute offen darüber zu sprechen?
Zehn Jahre lang wusste kaum jemand davon. Man braucht Zeit, bis man stabil genug ist, darüber zu reden. Heute ist es mir wichtig zu zeigen: Jeder kann erkranken. Und jeder darf sich Hilfe holen. Umso mehr freut es mich, dass es heutzutage die Krisendienste gibt. Weil ich weiß: Es wird verdammt vielen Leuten damit geholfen.
Warum unterstützen Sie die Krisendienste Bayern?
Durch mein Buch „Die Angst, dein bester Freund“ wurde der Bezirk Oberbayern auf mich aufmerksam. Sie fragten, ob ich die Entwicklung der Krisendienste unterstützen möchte – und das tue ich aus Überzeugung.
Was hat sich seit Ihrer Krise verändert?
Ich habe ein tiefes Bewusstsein dafür entwickelt, dass jede und jeder in eine Krise geraten kann – und wie wertvoll professionelle Unterstützung ist.
Möchten Sie zum Abschluss noch etwas sagen?
Ich empfinde es tatsächlich als großen Erfolg, dass die Gesellschaft die Politik überzeugt hat und die Krisendienste Bayern inzwischen 5-jähriges Jubiläum feiern durften.