INTERVIEW Mutmacher Björn

„Dieses Gespräch hat mein Leben gerettet“

Björn (46) leidet seit vielen Jahren an Depressionen. In seiner dunkelsten Stunde wählt er die Nummer der Krisendienste Bayern.

Schon früh werden bei Björn aus dem Landkreis Erding Depressionen diagnostiziert. Er hat gelernt, damit zu leben. Als aber berufliche und familiäre Probleme den 46-Jährigen stark belasten, kommt der große Zusammenbruch. Ohne Ausweg vor Augen wählt er die Nummer der Krisendienste Bayern. Im Interview erzählt er, wie ihm das Gespräch geholfen hat, einen Weg aus einer scheinbar ausweglosen Situation zu finden und dass es ihm hilft, zu wissen, dass er jederzeit anrufen kann.

Vergangenes Jahr hatten Sie einen Zusammenbruch. Was hat Sie in Ihrer krisenhaften Zeit am meisten belastet und herausgefordert?
Tatsächlich hat sich das aufgebaut und kam schleichend. Ich war beruflich im Kita-Bereich tätig. Dort hatten wir seit Jahren mit massivem Personalmangel zu kämpfen, was die Arbeit sehr herausfordernd machte. Meine Frau ist dann vor der Corona-Krise auch noch an Brustkrebs erkrankt. Ich durfte damals nicht zuhause bleiben, um mich zu kümmern. Und meine damalige Vorgesetzte hatte kein Verständnis für die Situation. Die Corona-Jahre und auch die Zeit danach waren familiär sowie beruflich extrem anstrengend.

Was genau hat zu Ihrem Zusammenbruch geführt?
Bei mir in der Arbeit gab es immer mehr Ärger. Aufgrund meiner Erkrankungen hatte ich Fehltage. Und das wurde bei Führungskräften wie mir nicht gerne gesehen. Der Knackpunkt war, dass meine Vorgesetzte die Meinung vertreten hat, dass Führungskräfte keine Fehlzeiten haben dürfen. Deshalb habe ich die ganze Zeit weitergemacht und nicht auf meinen Zustand und meine Gefühle geachtet. Es gab aber dann ein Gespräch mit meinen Vorgesetzten, in dem ich zusammengebrochen bin. Mir wurde vorgeworfen, dass ich als Führungskraft versagen würde und ich kein gutes Vorbild sei. Ich habe nach dem Gespräch die Woche noch mit Angst und Panikattacken weitergearbeitet, dachte, das wird schon. Aber danach ging dann nichts mehr.

Wie ging es dann für Sie weiter?
Ich kam am Wochenende gar nicht runter, ich war völlig daneben. Am Montag bin ich morgens aufgestanden, habe mich fertig gemacht, bin zum Bahnhof gefahren. Dort habe ich gemerkt, wie ich immer mehr zittere, wie mein Herz rast, wie mir der Schweiß ausbricht. Ich konnte nicht in den Zug einsteigen. Ich stand weinend vor der offenen Tür und konnte nicht einsteigen. Ich bin dann wieder nach Hause und habe mich erst einmal krankschreiben lassen.

Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Ich hatte Angstattacken, so dass ich nicht mehr schlafen konnte. Ich bin die ganze Nacht herumgelaufen. Ich habe Reizdarm-Symptome entwickelt. Es wurde immer schlimmer.
Nach fünf Wochen hatte ich endlich meinen Termin beim Psychiater, der mich dann in der Klinik angemeldet hat. Ich musste dann aber noch einmal vier Wochen warten.
Das war die Zeit, wo es richtig schwierig war. Ich wusste, ich bekomme irgendwann Hilfe, aber ich muss da jetzt noch durch. Das war auch die Zeit, wo ich regelmäßig die Krisendienste angerufen habe.

Gab es einen Moment oder einen Auslöser, in dem Sie gesagt haben, jetzt greife ich zum Hörer und rufe da an?
Ich bin morgens aufgestanden und hatte schon das Gefühl, heute ist ein ganz dunkler Tag. Die Gedanken rasten, das war unbeschreiblich. Das muss man sich vorstellen, wie ein Gedankenkarussell in der Geschwindigkeit von Formel 1. Diese Gedanken ziehen einen runter und lassen die Situation ausweglos erscheinen. Und das wurde immer schlimmer und hat auch nicht aufgehört.
Dann ging es relativ schnell los mit den Gedanken: „Das ist alles so schlimm, das macht überhaupt keinen Sinn mehr, du brauchst einen Ausweg!“ Und in diesem Moment ist man davon überzeugt, dass alles schrecklich ist. Und dass es nur noch schrecklicher werden kann. Man fühlt sich auch als Belastung für andere Menschen. Und die Lösung in meinem Kopf war dann, dass es für alle das Beste wäre, wenn ich nicht mehr da bin.
Und dann war da dieser andere Gedanke. Gibt es nicht irgendwen, bei dem ich Hilfe kriege? Ich war derart verzweifelt. Ich habe dann durchgescrollt auf meinem Tablet. Und dann kam die Nummer der Krisendienste. Dann dachte ich mir: Da rufst Du jetzt an.

Wie haben Sie sich in dem Moment gefühlt?
Ich saß weinend im Bett und habe gezittert. Ich habe keine Luft gekriegt. Ich habe einfach nur gehofft, dass jemand rangeht. Und da ist jemand rangegangen. Und das war gut so.

Können Sie sich noch an das Gespräch erinnern? Was hat Ihnen geholfen?
Wir haben die ersten 20 Minuten nur Atemübungen gemacht. Und ich habe gespürt, dass es hilft. Dann hieß es nur: „Erzählen Sie mal“. Und wenn jemand plötzlich sagt, dass das, was ich erlebt habe, sich wirklich schrecklich anhört und es nicht an mir liegt, dann hilft das. Wir haben dann auch einen Blick in die Zukunft geworfen. Den fand ich total hilfreich, weil die Mitarbeiterin dann gesagt hat, ich bin hier. Und auch wenn wir jetzt auflegen, bin ich noch hier oder jemand von meinen Kollegen. Ich denke, an dem Tag hat mir dieses Gespräch das Leben gerettet.

Inwiefern hat sich was für Sie geändert nach diesem Anruf?
Ich konnte den Weg akzeptieren. Die Vorstellung, in die Psychiatrie zu gehen, war schräg für mich. Und gleichzeitig wusste ich, ich brauche dringend Hilfe. Für mich war es hilfreich, dass jemand gesagt hat: Das ist der Weg. Und bis dahin rufen Sie an, wenn etwas ist. Diesen Weg habe ich vorher nicht gesehen.

Was bedeutet es für Sie, dass es die Krisendienste Bayern gibt?
Das Angebot ist einfach und niedrigschwellig. Das Wichtigste ist, dass es akut und in dem Moment erreichbar ist.
Und auch diese Brückenfunktion zwischen den anderen Behandlungsmöglichkeiten ist extrem wertvoll. Die Krisendienste sind ein Zwischenglied zwischen akuter Krise und stationärer Behandlung Ich finde das unglaublich wichtig. Das hat mir vor allem in der Wartezeit auf die anschließende Behandlung wahnsinnig geholfen.

Was würden Sie anderen Menschen raten, die in einer Krise stecken und noch zögern, anzurufen?
Du bist wertvoll. Du wirst hier noch gebraucht. Und du bist es wert, dass sich jemand kümmert. Das ist für mich das Wichtigste. Weil ich das in dem Moment nicht mehr wusste und auch nicht mehr gespürt habe. Obwohl ich so viele Menschen um mich herum hatte, die mir gesagt haben, wir brauchen dich.
Und deswegen kann ich nur sagen: Es erfordert Mut, sich Hilfe zu holen. Das ist sehr wichtig. Und das ist in Ordnung. Ich war überrascht, wie sehr ich ernst genommen und wie ich behandelt wurde.

Was bedeutet es Ihnen, über Ihre Erfahrungen sprechen zu können?
Das ist mir sehr wichtig. Einfach weil ich das Gefühl habe, dadurch auch was zurückgeben zu können. Wenn deswegen auch nur einer oder eine mehr anruft, ist es das wert.

Gibt es irgendwas, das Sie zum Abschluss noch sagen möchten?
Auch jetzt ist die Nummer noch in meinem Tablet gespeichert unter wichtige Nummern. Denn ich bin nicht ganz ungeschoren aus der Sache rausgegangen. Meine Depression ist jetzt rezidivierend. Sprich, die bleibt mir. Manchmal ist es gut zu wissen, dass die Nummer noch da ist, auch wenn es mir im Moment gut geht.