INTERVIEW Mutmacherin Agathe

„Es geht darum, dass man nicht alleine ist“

Agathe, 48, lebt in einer schwierigen Ehe, aus der sie sich schwer lösen kann. Als ein Streit mit ihrem Ex-Partner eskaliert, fasst sie all ihren Mut zusammen und ruft bei den Krisendiensten Bayern an.

Für die Unterstützung in dieser Ausnahmesituation ist sie auch heute noch sehr dankbar. Im Interview erzählt sie, wie ihr die Gespräche mit den Krisendiensten nicht nur die Augen geöffnet, sondern ihr auch dabei geholfen haben, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Bevor wir über Ihre Krise sprechen: Wie geht es Ihnen aktuell?
Mir geht es gut. Mein Leben befindet sich gerade im Umbruch. Es hat sich aber alles soweit gut sortiert und jetzt fängt es wieder neu an.

Was hilft Ihnen, um sich wohlzufühlen?
Ich bin sehr gerne in der Natur mit meinem Hund. Auch am Wasser fühle ich mich sehr wohl. Ich verbringe gerne Zeit mit meinen Herzensmenschen. Ich habe heute auch den Ring von meinem verstorbenen Papa dabei. Der begleitet mich ebenfalls und hat ein Auge auf mich und auf die ganze neue Situation, in der ich mich aktuell befinde.

Was hat dazu geführt, dass Sie bei den Krisendiensten Bayern angerufen haben?
Ich war in meiner Ehe sehr verzweifelt. Man kann durchaus sagen, dass ich eine Krise gehabt habe. Als ich bei Facebook auf die Krisendienste Bayern aufmerksam geworden bin, habe ich deren Unterstützung dann auch in Anspruch genommen.

Wann haben Sie selbst gemerkt, dass Sie in einer Krise stecken?
Ich habe irgendwie funktioniert. Aber ich habe schon gemerkt, dass da etwas nicht stimmt.  Als mich dann auch meine Chefin darauf angesprochen hat, ist alles zusammengebrochen.

Was ist passiert?
Die Situation in meiner Ehe war für mich sehr belastend. Ich habe gedacht, ich kann das schon irgendwie lösen oder schaffen. Aber es hat sich immer mehr herausgestellt, dass es einfach nicht möglich war.
Es gab da einen Schlüsselmoment, als ich bei den Krisendiensten angerufen habe. Und ich war sehr froh, dass da jemand für mich da war, weil ich in dieser Situation einfach nicht selbst reagieren konnte.

Was genau ist vorgefallen?
Es gab einen heftigen Streit mit meinem Ex-Mann. Ich habe dann den Krisendienst angerufen, als ich wieder einigermaßen in der Lage war, zu sprechen.  Die Mitarbeiterin der Leitstelle hat dann die notwendigen Schritte eingeleitet, zu denen ich in dieser Situation nicht fähig gewesen wäre. Alleine hätte ich das niemals geschafft.

Es gehört in so einer Situation Mut dazu, zum Hörer zu greifen.
Ich wusste, dass ich so nicht weitermachen möchte. Deshalb habe ich nach Möglichkeiten gesucht, wie ich da herauskomme. Die Notwendigkeit zu handeln war somit größer als die Hemmschwelle, anzurufen.

Können Sie sich noch an das Gespräch mit dem Krisendienst erinnern? Wie ist das abgelaufen bzw. was wurde Ihnen geraten?
Ich wurde zunächst einmal beruhigt, weil ich geweint habe und auch gar nicht kommunizieren konnte, was genau passiert ist.
Die Mitarbeiterin hat erst einmal die Situation reguliert, indem sie Ruhe ausgestrahlt hat, und dafür gesorgt hat, dass ich tief durchatme. Und dann haben wir Schritt für Schritt geschaut, wo es eine Lösung gibt oder was wir tun können, damit es mir besser geht.

Inwieweit hat Ihnen das Gespräch weitergeholfen? Wie ging es nach dem Telefonat für Sie weiter?
Ich bin dann doch noch kurze Zeit bei meinem Ex-Mann geblieben. Es blieb aber nach wie vor problematisch. Es gab dann wieder eine Situation, in der ich festgestellt habe, dass sich diese auf Dauer nicht verändern wird.
Das hat mir dann die Augen geöffnet. Ich habe mir gedacht, wenn ich jetzt nicht gehe, dann schaffe ich das gar nicht mehr. Im Nachhinein war das gut so. Ich habe jahrelang gedacht, ich kann das alles irgendwie schaffen und lösen. Aber das ist unmöglich, wenn keine Bereitschaft vorhanden ist, um etwas zu ändern.

Gibt es irgendwas, das Sie anderen Menschen raten würden, die sich in ähnlichen Situationen befinden und bisher nicht trauen, sich Unterstützung zu holen?
Ich habe das Angebot schon sehr oft empfohlen. Ich finde, es ist einfach, bei den Krisendiensten Hilfe in Anspruch zu nehmen. Man kann anonym anrufen, zu jeder Tageszeit und jemand hört mir zu. Ich habe teilweise mehrmals die Woche angerufen. Auch wenn immer andere Mitarbeitende rangehen oder mal die Warteschleife, geht es einfach darum, dass es Hilfe gibt und dass es leichter wird. Man sollte nie den Mut verlieren – auch wenn die Warteschleife mal sehr lange dauert, gibt es immer die Möglichkeit auf den Anrufbeantworter zu sprechen und einen Rückruf zu erbitten.

Warum haben Sie sich entschlossen, offen über Ihre Erfahrungen zu sprechen?
Ich möchte anderen Menschen Mut machen, dass es immer weitergeht und dass es gut ist, wenn man Hilfe annimmt. Bei niemanden läuft immer alles gut. Deshalb ist es wichtig, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das heißt natürlich nicht, dass sich dann alle Probleme gleich in Luft auflösen, aber man ist zumindest schon mal auf dem Weg.