INTERVIEW Mutmacherin Bärbel
„Das Schreien im Haus war unerträglich“
Bärbel (64) hat eine gleichermaßen bewegende wie belastende Familiengeschichte und rutscht in eine schwere seelische Krise. Durch einen Anruf bei den Krisendiensten Bayern findet sie wieder Hoffnung – und zurück ins Glück
Manchmal ist es, als ob die ganze Welt zusammenbricht. Wie bei Bärbel aus dem Münchner Osten. Die 64-jährige Rentnerin begleitet ihrerseits Seniorinnen und Senioren mit psychischen Problemen. Bis sie, bedingt durch die Überreiztheit ihres seelisch schwerkranken Kindes, plötzlich selbst in eine tiefe Krise rutscht und die telefonische Hilfe bei den Krisendiensten Bayern in Anspruch nimmt. Im Interview erzählt sie, wann es zuhause nicht mehr auszuhalten war, warum es wichtig ist, sich helfen zu lassen und woraus sie heute ihre Stärke zieht.

Bevor Sie von Ihrer Krise erzählen: Möchten Sie uns zunächst in Ihre Familiengeschichte mitnehmen?
Ich bin mit vier Geschwistern aufgewachsen und meine Familie hat schon viel Drama hinter sich. Meine Mutter war 40 Jahre lang schwer depressiv, und ich sah es immer als meine Aufgabe, ihr zu helfen, damit sie leben will und kann. Mein Vater hat sich von ihr getrennt, als wir Kinder groß waren. Damit nicht genug: Mein Großvater hat sich aufgehängt, gleich nachdem er zum Krieg eingezogen worden ist. Also von Depression über Scheidung bis zu Suizidalität war alles dabei.
Das ist eine Menge an Vorbelastung. Wie ging es dann für Sie weiter?
Mein Herzenswunsch war immer, viele Kinder zu bekommen. Doch dieser Kinderwunsch blieb zehn Jahre lang unerfüllt. Dann haben mein Mann und ich zwei Babys adoptiert. Beim kleineren war uns die Behinderung schon klar, nur beim größeren war die schwere Folgeerkrankung wegen Vernachlässigung und der daraus folgenden psychischen Erkrankung nicht absehbar, und das wurde dann zu einer großen Belastung. Zu ihm haben wir leider gerade den Kontakt abgebrochen, denn er lässt sich nicht helfen. Auch wenn ich gerne möchte.
Stichwort Hilfe: Was hilft Ihnen persönlich im Alltag, um sich wohlzufühlen?
Mein Mann (und lacht). Dass ich überhaupt glücklich und dankbar bin und gut leben kann, hat auch damit zu tun, dass ich seit über 40 Jahren verheiratet bin. Aber auch meine Geschwister und Freundinnen tun mir gut. Außerdem ziehe ich ganz viel Stärke aus dem Glauben an Gott und Jesus Christus. Ansonsten liebe ich Kalligrafie, Radfahren und schwimmen. Am meisten aber Bibel lesen, das mich unheimlich stärkt, wenn Gott selbst zu mir redet.
Wenn Sie nun zurückblicken: Was hat zu Ihrer Krise geführt und was hat Sie damals am meisten belastet?
Mein Sohn wurde in der Arbeit stark gemobbt, hat sie dann verloren, zuhause gewohnt und war in der Folge total frustriert. Er hatte Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ohne Hyperaktivität und hat leider mit dem Cannabis rauchen viel zu früh angefangen. Wir Eltern haben dann nach Lösungen gesucht, aber er war nicht fähig, von sich aus etwas zu machen, sodass die Initiative immer von uns ausging. Aber im Nachgang haben wir aus seiner Sicht immer alles falsch gemacht. Es ging so weit, dass er irgendwann meine Stimme nicht mehr hören wollte, und verbal extrem ausfallend wurde. Ich war damit total überfordert. Mein Mann auch. Ich habe überhaupt keine Ahnung gehabt, wie ich mit der Situation umgehen soll. Den Menschen, den ich liebe, meinen Sohn nicht mehr zu erreichen. Und das hat mir auch Angst gemacht.
Was war der Auslöser, zum Hörer zu greifen und sich bei den Krisendiensten Hilfe zu holen?
Wir haben ja noch einen Sohn mit Behinderung, der Lärm oder Streit in der Umgebung überhaupt nicht verarbeiten kann. Und mein Mann ist davon ebenfalls krank geworden. Im Sinne der Gesundheit meiner Familie habe ich Hilfe gebraucht. Das Schreien im Haus war unerträglich, sodass die Nachbarn schon gekommen sind. Einmal habe ich sogar die Polizei geholt.
Wie und wo haben Sie überhaupt von den Krisendiensten erfahren?
Ich war mit meiner Mutter oft beim Psychiater und dort war ein Flyer. Ich habe auch oft andere ältere Leute begleitet, die suizidgefährdet waren, von daher waren mir die Krisendienste vom Namen her bekannt.
Mit wem hatten Sie beim Krisendienst als erstes Kontakt?
Ich erinnere mich an eine Frau, die sofort verstanden hat, von welchen Verhaltensweisen ich da rede. Sie hat mir Mut gemacht, dass ich auf mich selbst aufpassen muss. Man hat mich auch beraten, wo man sonst noch Hilfe holen kann, zum Beispiel beim sozialpsychiatrischen Dienst und der Polizei.
Inwieweit hat Ihnen das geholfen – akut und auch in der Folge?
Es war eine totale Hilfe und Entspannung. Man bekommt Bestätigung, dass man erstmal alles richtig gemacht hat. Ich bin wieder heruntergekommen und habe mein Leben wieder leben können. Man bleibt nicht hängen in der Katastrophenschleife, sondern kann seine Aufgaben wieder erledigen.
Was würden Sie anderen raten, die in einer Krise stecken, sich aber nicht trauen, Hilfe zu holen?
Ich weiß, dass man ein schlechtes Gewissen und Scham hat, und sich fragt: Warum brauche ich Hilfe? Warum komme ich nicht zurecht? Aber ich kann nur ermutigen, Hilfe anzunehmen und zu beherzigen. Damit man jemanden hat, der fachlich top ist, ein Profi halt. Es ist eine riesige Entlastung, die Dinge auch mal in andere Hände zu geben. Das übe ich täglich mit Gebet, aber die Fachleute beim Krisendienst geben echt sehr hilfreiche praktische Tipps.
Was bedeutet es für Sie, heute über Ihre Erfahrungen zu sprechen und anderen Mut zu machen?
Ich habe oft genug mitbekommen, wie dramatisch das Leben der Menschen ist. Manchmal denkt man, die Umstände seien hoffnungslos und hören nie auf, schlimm zu sein. Dabei ändert sich der Umstand dann innerhalb von Sekunden, wenn man Hilfe annimmt. Und wenn er sich nur bei dir im Herzen ändert, und du wieder Licht siehst. Es ist meine Berufung, Menschen wieder Hoffnung zu geben, indem ich versuche, ihnen Hilfestellungen zu zeigen. Und alles, was mir selbst guttut, gebe ich an andere weiter.
Möchten Sie diesen Menschen sonst noch etwas mitgeben?
Die Krisendienste sind lebensrettend. Es wäre eine Katastrophe, wenn es sie nicht gäbe. Bei mir persönlich gibt es sonst noch den tiefen Glauben an Jesus Christus als Kraftquelle. Der ist meine allergrößte Rettung – neben den Krisendiensten (und lacht)! Ich habe richtig schlimme Umstände hinter mir. Und trotzdem bin ich heute dankbar und glücklich.