INTERVIEW Mutmacherin Heike
„Es war alles weg“
In Heikes dunkelster Nacht klingelte es an der Tür – und ein Hinweis auf Unterstützung wurde zum Wendepunkt. Sie berichtet offen über Verlust, Überforderung und das Gefühl, nichts mehr zu spüren. Der Anruf bei den Krisendiensten Bayern half der 55-Jährigen aus dem Landkreis Schongau, wieder handlungsfähig zu werden. Und gab ihr den Mut, die eigene Geschichte neu zu betrachten.
Jahrelang lebte Heike ein geordnetes Leben als Lehrerin, bis eine unerwartete Trennung, eine eskalierende Sucht und schließlich der Tod ihres Ex-Mannes ihre Welt erschütterten. In dieser Zeit verlor sie den Halt – und doch fand sie Schritt für Schritt zurück ins Leben. Die Krisendienste Bayern wurden in der schmerzlichsten Nacht zum ersten Anker, der ihr Stabilität und Orientierung gab. Heute sucht die 55-Jährige aus dem Landkreis Schongau Kraft in der Natur und spricht offen darüber, warum professionelle Hilfe lebensrettend sein kann – und weshalb psychische Erkrankungen endlich sichtbar werden müssen.

Sie waren lange als Lehrerin tätig, haben das Beamtentum aber aufgegeben. Ein mutiger Schritt. Warum haben Sie das gemacht?
Ich arbeite inzwischen als angestellte Reittherapeutin in einem Therapiezentrum. So kann ich meine Leidenschaft für Natur und Tiere beruflich ausleben. Das hilft mir.
Wie geht es Ihnen aktuell?
Mir geht es gut, ich bin insgesamt stabil – aber weiterhin dabei, mich selbst zu finden.
Was hilft Ihnen dabei, sich wohlzufühlen?
Bewegung, die Elemente, die Natur – einfach draußen sein. Und ein Umfeld, in dem man sich sieht und wahrnimmt. Auch ohne, dass man sich gut kennt.
Sie hatten vor einigen Jahren eine Krise. Möchten Sie uns in diese Zeit mitnehmen?
Mein damaliger Mann ist nach 17 Jahren völlig überraschend ausgezogen – begleitet von vielen Vorwürfen. Er hatte meines Wissens schon immer psychische Themen, in seiner Familie wurde das jedoch nie ausgesprochen. Es lag immer ein Mantel des Schweigens darüber. Daraus entwickelte sich eine Sucht, er konsumierte regelmäßig Cannabis und früher auch andere Drogen.
Nach seinem Auszug war ich zunächst fassungslos und handlungsunfähig. Es folgte ein Jahr voller Kontaktabbrüche, Angriffe und organisatorischer Fragen: Was passiert mit dem Haus? Müssen die Kinder und ich umziehen?
Dann hatten wir ein halbes Jahr keinen Kontakt – und in dieser Zeit hat er sich durch seinen Drogenkonsum suizidiert.
Was hat Sie an der Situation am meisten belastet?
Am herausforderndsten war, in dem Moment überhaupt etwas zu spüren. Mich, meine Tochter, die Situation. Wirklich körperlich etwas zu spüren. Es war alles weg, wie in einem Nebel. Dieses „Nicht-mehr-dasein“ war am schwersten.
Wussten Sie, dass es die Krisendienste Bayern gibt?
Durch meinen Beruf kannte ich sie, aber in dem Moment habe ich nicht daran gedacht. Erst als zwei Polizisten mir nachts die Todesnachricht überbrachten, erwähnten sie die Krisendienste Bayern. Sie sagten, dass ich bei den Krisendiensten anrufen kann, wenn ich jetzt Unterstützung brauche.
War das sofort der Auslöser, Hilfe zu holen?
Ja. Ich dachte nur: Ich muss stabil bleiben, für meine Tochter. Da hat auch mein beruflicher Hintergrund gegriffen – das, was ich anderen rate, wollte ich selbst anwenden.
Wie war das Gespräch mit den Krisendiensten Bayern?
Vor allem: Zuhören und Raum geben. Ich durfte einfach sein. Das hat unglaublich gutgetan. Es war einfach jemand da, der mich in diesem Moment durch den Schmerz begleitet hat. Besonders hilfreich war der Hinweis auf Trauerbegleitung für meine Tochter – dadurch konnte ich wieder aktiv werden.
Wie ist es nach dem Telefonat mit den Krisendiensten für Sie weitergegangen?
Es war der Beginn eines Prozesses, in dem ich mich noch immer befinde. Ich habe den Mut gewonnen, meine Vergangenheit anzusehen – inklusive der psychischen Themen und des Suchtverhaltens meines Ex-Mannes. Ich erkannte, wie viele Warnsignale, red flags, ich übersehen hatte. Schritt für Schritt werde ich wieder mehr ich selbst – und das wirkt sich stark auf mein Umfeld aus.
Was würden Sie Menschen raten, die in einer Krise stecken und sich nicht trauen, Hilfe zu holen?
Ich kann allen nur sagen, gebt nie auf und fangt mit kleinen Schritten an. Seid euch bewusst, dass jeder Mensch wertvoll ist.
Die Krisendienste Bayern sind wichtig, weil…
… sie der Anfang sein können, um jedem Menschen seine Würde zurückzugeben.
Was hat es für eine Bedeutung, dass Sie dieses Interview führen?
Weil es eine Möglichkeit ist, nochmal zu formulieren, was ich erlebt habe. Und weil ich einfach zeigen möchte, dass solche Hilfen und Organisationen lebensrettend sind.
Gibt es noch etwas, dass Sie gerne sagen möchten?
Mir ist es wichtig, dass psychische Erkrankungen sichtbar werden. Dass es eine Transparenz gibt. Dass das Thema in der Familie und der Gesellschaft angesprochen wird. Dass kein Schweigen mehr stattfindet. Und, dass dadurch auch Ängste, Schuld- und Schamgefühle weniger werden.