INTERVIEW Mutmacherin Liviana
„Sich Hilfe zu suchen, zeigt Stärke“
Liviana (26) leidet seit ihrer Jugend an einer psychischen Erkrankung. Die Krisendienste Bayern kennt und nutzt sie seit einigen Jahren. Allerdings hat es etwas gedauert, bis sie Vertrauen in das Angebot aufgebaut hat.
Aufgrund ihrer psychischen Erkrankung hat Liviana aus dem Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen schon zahlreiche Erfahrungen mit dem Versorgungssystem und diversen Hilfsangeboten gesammelt. Anfangs stand sie den Krisendiensten Bayern skeptisch gegenüber. Nach einigen positiven Erfahrungen nutzt sie das Angebot der Krisendienste Bayern mittlerweile regelmäßig. Im Interview erzählt sie, wie das mobile Einsatzteam und auch eine Vertrauensperson beim Krisendienst sie dazu gebracht haben, ihre anfängliche Skepsis über Bord zu werfen.

Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass es Ihnen nicht gut geht bzw. dass etwas nicht stimmt?
Ich hatte eine problematische Kindheit. Ich habe damals schnell gemerkt, dass ich anders war als die anderen Kinder. Aber so richtig habe ich erst während meiner Ausbildung festgestellt, dass irgendetwas nicht stimmt. Ich hatte öfter verbundene Arme. Darauf haben die Kunden mich dann auch angesprochen. Und man hat es auch von meiner Laune her gemerkt. Erst war ich traurig und ganz plötzlich war ich happy. Als hätte man einen Schalter umgelegt.
Was haben Sie unternommen, um Hilfe zu bekommen?
Ich habe mir Hilfe bei meiner Hausärztin gesucht. Die hat mich einige Wochen lang krankgeschrieben. Sie war auch der Ansicht, dass die Ausbildung so keinen Sinn macht. Und dann habe ich mich in einer psychiatrischen Klinik behandeln lassen.
Wann haben Sie sich bei den Krisendiensten gemeldet?
Das war tatsächlich erst ein oder zwei Jahre später. Ich kannte den Krisendienst vorher nicht. Und dann habe ich einfach mal im Internet recherchiert. Ich war dann auch erst mal auf einer Seite für Jugendliche und junge Erwachsene angemeldet. Die Beratung dort lief anonym und per Chat. Das hat mir ganz oft geholfen. Ich wurde dann aber zu alt und daraufhin wurden mir dort die Krisendienste empfohlen.
Können Sie sich noch erinnern, wie es Ihnen an dem Tag, an dem Sie die Krisendienste angerufen haben, ging?
Da ist in meiner Erinnerung vieles verblasst. Ich weiß auf jeden Fall noch, dass ich meinem Leben ein Ende setzen wollte. Ich war dann auch in einer Apotheke und habe verlangt, dass sie mir alles geben, was sie haben, damit ich das durchziehen kann. Und die Mitarbeiter der Apotheke haben dann die Krisendienste angerufen. Dann sind auch tatsächlich zwei Mitarbeiter von den Krisendiensten gekommen, die mich betreut und gewartet haben, bis der Rettungsdienst da war.
Können Sie sich noch an die Mitarbeiter des Krisendienstes vor Ort erinnern? Wie war das Gespräch für Sie?
Es waren zwei Männer da. Der eine war die ganze Zeit bei mir und hat mich tatsächlich nicht aus den Augen gelassen. Der andere ist immer zwischen Apothekenmitarbeitern und mir hin und her gewechselt. Der hatte sozusagen das Organisatorische im Blick und er hatte Kontakt mit der Polizei und dem Rettungsdienst. Die beiden haben vor Ort gut zusammengearbeitet und das hat auch reibungslos funktioniert.
Wie empfanden Sie das Gespräch?
Der Mitarbeiter, der die ganze Zeit bei mir war, war sehr ruhig und gelassen. Das hat sehr beruhigend auf mich gewirkt, so dass ich mich zwischenzeitlich sogar ohne Medikamente herunterregulieren konnte. Der Kollege, der das Organisatorische geregelt hat, war natürlich aufgrund der Aufgabenverteilung etwas „hektischer“.
Wie ging es dann nach dem Gespräch weiter für Sie?
Der Rettungsdienst und die Polizei wurden alarmiert und sind dann auch gekommen. Ich bin daraufhin in eine psychiatrische Klinik gebracht worden.
Was ist in der Zeit danach passiert?
Ich bin dann erstmal in der Klinik untergebracht gewesen. Das heißt ich durfte diese nicht freiwillig verlassen. Nach etwa zwei Monaten konnte ich mich soweit stabilisieren, dass ich wieder gehen durfte. Wir haben aber recht schnell gemerkt, dass es daheim auch nicht mehr funktioniert. Und dann bin ich in eine Wohneinrichtung gekommen.
Sie haben eine sehr breite Erfahrung mit dem Hilfesystem. Gibt es irgendwas, das Sie anderen Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind, mit auf den Weg geben möchten?
Auch wenn es schwierig ist, sollte man es trotzdem probieren, sich Hilfe zu holen. Man kann die gute Erfahrung nur machen, wenn man es ausprobiert.
Ich habe durchaus mit mir gehadert, anzurufen, weil ich auch meine schlechten Erfahrungen mit dem Krisendienst gemacht habe. Aber es gibt eine Betreuerin in meiner früheren WG, die bei den Krisendiensten arbeitet. Sie hat mich dann ermutigt, dort noch einmal anzurufen. Und mittlerweile komme ich mit den Krisendiensten super klar. Egal was ist, ich kann mich jederzeit dorthin wenden.
Was bedeutet es für Sie persönlich, dass es die Krisendienste gibt?
Mir hilft das sehr oft, wenn ich jemanden zum Reden habe. Tatsächlich kommt es deswegen aktuell nicht mehr zu so einer großen Krise wie früher, weil oft dieses Reden einfach schon hilft.
Was war Ihre Motivation dafür, dass Sie Ihre Erfahrungen teilen?
Es gibt sicherlich viele Leute, die sich nicht trauen, bei den Krisendiensten anzurufen. Es ist aber überhaupt nicht schlimm, sich Hilfe zu suchen. Es zeugt sogar von Stärke, wenn man sich Hilfe sucht. Man muss nicht immer alles alleine schaffen.