INTERVIEW Mutmacherin Nicole
„Ich hatte wahnsinnige Angst“
Nicole (42) ist psychisch vorbelastet und rutscht durch einen traumatischen Vorfall in eine seelische Krise. Dank der Hilfe der Krisendienste Bayern holt sie ihre mittlere Reife nach – und blickt wieder nach vorne.
Nicole aus Nürnberg hat Förderbedarf und leidet an einer dissoziativen Identitätsstörung: In ihr leben also unterschiedliche Persönlichkeiten. Als Kind erlebt sie Mobbing, als Erwachsene auch Gewalt. Als durch das Verhalten eines Mitschülers in der Abendschule alte Traumata wieder hochkochen, ruft die 42-Jährige bei den Krisendiensten Bayern an – und findet zurück in die Spur. Im Interview erzählt sie, wer ihre „Seelentrösterchen“ sind, warum es wichtig ist, sich Hilfe zu holen und was ihre Lehrer beeindruckt hat.

Bevor wir über Ihre damalige Krise reden: Möchten Sie etwas über Ihr Leben erzählen?
Ich bin Nicole, 42 Jahre alt, bin schon immer mit Büchern unterwegs, und daher auch Buchbloggerin. Ich habe einen besonderen schulischen Werdegang. Aus meiner früheren Förderklasse bin ich dann zur Grund- und dann zur Hauptschule und bin heute die einzige mit Quali und habe im letzten Juli über den zweiten Bildungsweg an der Abend-Realschule sogar meine mittlere Reife nachgeholt. Ich habe fünf Meerschweinchen, die meine Seelentrösterchen sind. Ich bin neugierig auf das Leben, habe aber gleichzeitig auch manchmal Angst davor, was noch so kommt.
Wie geht es Ihnen zurzeit?
Ich bin ein bisschen geknickt, weil ich es gerade nicht ins Hermann-Kesten-Kolleg in Nürnberg geschafft habe (Städtisches Institut, Anm.d.Red.). Dort wollte ich meine Hochschulreife machen. Aber acht Stunden Schule und dann noch Hausaufgaben sind ein zu hohes Pensum für mich. Andererseits entwickle ich jetzt einen neuen Lebensplan, und ich bin sehr dankbar, dass hier die Krisendienste an meiner Seite sind.
Was hilft Ihnen sonst noch dabei, sich wohlzufühlen?
Meine Bücher, die ich lesen und rezensieren darf. Meine Freunde, die an meiner Seite sind. Und meine Meerschweinchen, ohne die es sehr einsam in meinem Leben wäre. Außerdem brauche ich immer Bewegung und möchte neue Sachen ausprobieren, z.B. Klettern, oder in die Sauna gehen.
Können Sie uns mal in die Vorgeschichte mitnehmen, wie Sie in Ihre seelische Krise geschlittert sind?
Als ich meine mittlere Reife gemacht habe, hing ich sehr an einem jungen Mann, einem Mitschüler von mir. Wir haben immer zusammen gelernt, was mir sehr geholfen hat, und ich habe stark geklammert. Er war eben mein Fixpunkt. Leider sind zu dieser Zeit auch immer wieder Traumata aus der Kindheit hochgekommen, ich wurde nämlich früher sehr krass gemobbt. Eines Tages hat er mir gesagt, dass wir eine Pause brauchen. Das war dann sehr schlimm für mich. Wie sollte ich das jetzt alles schaffen? Ich hatte wahnsinnige Angst, zurück in die Schule zu gehen, weil ich das Gefühl hatte, dass mich mein bester Freund fallen lässt. Einmal hat er mich sogar geohrfeigt.
Und dann haben Sie die Krisendienste angerufen?
In dieser Zeit sogar mehrmals. Weil ich Ermutigung brauchte, als ich das selber nicht konnte. Ich habe ja keine eigene Familie gegründet. Ohne Familie ist das manchmal schwer. Die Krisendienste haben auch immer dafür gesorgt, die Situation zu entspannen und mir den Tipp gegeben, dass es in Nürnberg eine Auffangstation bei krisenhaften Lebenssituationen gibt. Die Krisendienste haben mich auch durch alle Prüfungsphasen begleitet, mit mir geredet und mich unterstützt.
Offensichtlich mit großem Erfolg!
Ja, sogar die Lehrer waren baff. Ich war an dieser Schule ja schon einmal, damals leider ohne Erfolg aufgrund meiner psychischen Belastung. Doch diesmal haben alle gecheckt: Sie kann das, sie schafft das. Und zwei Wochen später habe ich tatsächlich erfahren, dass ich es geschafft habe. Ohne Nachprüfung. Das hat mir nicht jeder zugetraut. Das war für mich ein Riesengeschenk.
Inwieweit hat es Ihnen geholfen, sich bei den Krisendiensten zu melden?
Erstmal war die Hemmschwelle groß, dort anzurufen. Im Nachhinein bin ich sehr dankbar, es gemacht zu haben. Man kann sich dort auch anonym beraten lassen und man ist dort auf jeden Fall sicher. Sie haben mir geholfen, dass ich meine Krisensituation überstehe, dass ich mein Lernpensum gut hinkriege und dass ich Entspannung finden durfte. Das hat mir sehr geholfen. Wenn ich überfordert war und nicht alleine zurechtgekommen bin, war sofort die Unterstützung da.
Wie läuft so ein Gespräch am Telefon eigentlich ab?
Da geht dann jemand ran und fragt: Was ist passiert? Wo stehen Sie gerade? Dann hören sie erstmal zu und entwickeln Ideen, und sagen hey, wir könnten das so oder so machen. Sie legen nie auf, ohne einen Plan zurechtgelegt zu haben. Und sie sagen einem auch: lieber einmal mehr anrufen als einmal zu wenig.
Was würden Sie anderen Menschen raten, die sich in einer Krise befinden, sich aber vielleicht nicht trauen, Hilfe zu holen?
Falls jemand dabei ist, einfach vorschlagen, da mal zusammen anzurufen. Und einfach Mut haben. Sie beißen nicht. Ganz im Gegenteil: Sie sind da. Es gibt sogar mobile Teams, die zu einem nach Hause fahren. Also es gibt viele Möglichkeiten.
Was bedeutet es Ihnen, jetzt über Ihre Erfahrungen zu sprechen und anderen Menschen Mut zu machen?
Es ist natürlich schwer für mich, jetzt nochmal zurückzublicken und zu sehen, was da passiert ist. Die Erinnerung daran, wie ich geohrfeigt worden bin und danach mein Ohr geblutet hat, ist nicht schön. Da war ich schon ziemlich aufgelöst. Aber ich möchte den Krisendiensten deswegen einfach Danke sagen. Dass sie einen nicht fallen lassen. Man kann zu Tag- und Nachtzeiten anrufen, egal ob Wehwehchen oder Riesenkummer. Dort sitzen Menschen, die genau wissen, wie es einem geht und auch ggf. selbst schon krisenhafte Situationen in ihrem Leben hatten. Ohne die Krisendienste weiß ich nicht, ob ich heute hier wäre, wo ich bin.